Er hat sich in Weinheim verewigt
Wenn Hans-Joachim Stoner durch Weinheim läuft, kennt er fast jedes Haus, jede Garage, jeden Anbau, jeder Dachgaube. Wenn es noch die Sendung „Wetten dass. . .“ gäbe, könnte er aus dem Effeff aufsagen, wer der Bauherr und wer der Architekt ist, der den Bauplan eingereicht hat.
Ob die Genehmigung Routine war oder ob es darüber Gespräche geben musste. Was die Nachbarn gesagt haben. Und so weiter.
Hans Joachim Stoner hat das Stadtbild Weinheims in den zurückliegenden 32 Jahren geprägt. So lange hat der gelernte Diplom-Architekt bei der Stadt Weinheim Bauanträge beurteilt, genehmigt oder auch abgelehnt, 24 Jahre davon als Leiter eines eigenen Amtes für Baurecht und Denkmalschutz, zuvor acht Jahre lang als Leiter der Bauordnungsabteilung im Rechts- und Ordnungsamt.
Zum 1. August geht er in Pension. Und damit endet wahrhaftig eine Ära. Auf einer internen Verabschiedung wurde jetzt deutlich, dass der Architekt, Baurechtsexperte und Amtsleiter auch eine bedeutende Führungskraft war – mit großer Wirkung nach außen und nach innen. Bei der kleinen Feier waren auch einige Vertreter von Weinheimer Bauträgerfirmen und Architekturbüros anwesend, um sich bei Stoner für Jahrzehnte lange konstruktive Zusammenarbeit zu bedanken. Er war nicht immer ein leichter „Sparring-Partner“ aber immer fair, ehrlich und vor allem kompetent, hieß es seitens der Planer und Bauherren.
Auch Vertreter des Gemeinderates zollten Lob und Anerkennung. Der Mann war nicht bequem aber sehr geschätzt.
Sage und schreibe über 8000 Baugenehmigungen sind in diesen Jahren über seinen Tisch gegangen. Aus der Ruhe bringen konnte ihn so leicht nichts.
„Du hast dich hier verewigt“, attestierte Bürgermeister Andreas Buske, der in den vergangenen zwei Jahren als Technischer Dezernent auch Stoners Vorgesetzter war. Er sei nicht nur für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen im Amt ein „Berater“ und ein „Vorbild“ gewesen. Buske rechnet dem Amtsleiter besonders hoch an, „dass er die teils divergierenden Interessen der Anwohner und Bauherren stets aufs Neue ausbalancieren konnte“. Mit einer gewissen ihm eigenen stoischen Beharrlichkeit setzte er Kompromisse und Zugeständnisse durch, wenn es einerseits galt, die Ziele und Vorgaben des gültigen Bebauungsplanes einzuhalten, andererseits bei Abweichungen und Befreiungen ein sinnvolles Maß zu finden.
Wenn Hans-Joachim Stoner heute zurückdenkt, kommen ihm zuerst die großen Projekte in den Sinn, deren Genehmigungsverfahren so umfang- und detailreich waren, dass sie Monate in Anspruch genommen haben. Zum Beispiel das Fachmarktzentrum auf dem Areal des Alten Güterbahnhofs, die Weinheim Galerie, das Drei-Glocken-Center und die Schlossberg-Bebauung. Mit einem Schmunzeln kann er sich auch an die Diskussionen um Umbaupläne der Hildebrandschen Mühle zum einem Großbordell erinnern. Da gab es wohl spektakuläre Termine mit einer Rocker-Gang, die dort investieren wollte.
Aus Stoners Amt kam damals der Impuls, Sperrzonen und zugelassene Gebiete auszuweisen. Es hat funktioniert. Weinheim hat seither ein Problem weniger.
Die Rocker-Gang seinerzeit hat nur darauf gewartet, bis der Gegenüber einen Fehler machen würde, damit sie die Stadt wegen eines unrechtmäßigen Versagens der Baugenehmigung verklagen konnten. Da waren sie aber an den Falschen geraten. Auch das ist eine Bilanz nach 32 Jahren Baurecht für Weinheim: Bei weniger als fünf Prozent der Maßnahmen gab es Klagen gegen die Stadt. Und bei über 90 Prozent hiervon bekam die Stadt von den Gerichten Recht zugesprochen.
Der Gemeinderat hat mittlerweile eine Nachfolgerin gewählt, sie wird demnächst ihr Amt antreten.
